Auch DIE ZEIT ist ein Blatt der Elite. Und daher mit dem neuen amerikanischen Präsidenten überhaupt nicht einverstanden. Um es höflich auszudrücken. Hat dennoch den Mut (das ist neu, wirklich neu!) einmal die beliebten Vorurteile beiseite zu stellen und Fakten aufzuzählen. Ein bemerkenswerter Vorgang, ein unerwartetes Umdenken, das wir genau dieser erstaunlichen US-Wahl verdanken. Behandelt werden drei Themen:
Die NATO
Der Kern seiner Sicherheitsdoktrin ist sehr viel klarer als es Steinmeier und der Nato-Generalsekretär gern zugeben möchten. Sie passt auf einen Bierdeckel.
Es mag sein, dass die Weltsicht des neuen Präsidenten den Deutschen, den Europäern sowie Amerikas Partnern im Nahen Osten und in Asien nicht gefällt – aber sie ist weder vage noch unstimmig. Es ist einfach nicht wahr, dass Trump keine kohärente geopolitische Vision hätte.
Sein Denken entspricht vielmehr einer der ältesten Traditionen amerikanischer Außenpolitik. Sie wird nach dem 7. Präsidenten Andrew Jackson als Jacksonianismus bezeichnet. Übrigens einer der Gründer der Demokratischen Partei (!).
Man kann diese Weltsicht kritisieren. Gleichwohl, der gescheiterte Interventionismus (Irak, Afghanistan, etc.) ist mitverantwortlich dafür, dass einer wie Trump heute bei den Leuten ankommt.
Die WIRTSCHAFT
Das Papier könnte als eine der größten ökonomischen Fehleinschätzungen in die bundesrepublikanische Geschichte eingehen: Wenn Trump sein Programm umsetze, sei mit einem "schrumpfenden Bruttoinlandsprodukt, weniger Arbeitsplätzen und höherer Arbeitslosigkeit zu rechnen", schrieben Sigmar Gabriels Beamte ihrem Minister im vergangen Herbst in einer hausinternen Einschätzung auf.
Aus ihr spricht das wirtschaftspolitische Denken der vergangenen Jahre (nicht nur in Deutschland): Dass offene Märkte gut sind für den Wohlstand…
Trump könne durchaus Erfolg haben, räumt Gabriel Felbermayr ein, Handelsexperte am wirtschaftsliberalen Münchner ifo Institut für Wirtschaftsforschung.
Im Grunde unterscheidet sich Trumps außenwirtschaftliche Linie nicht von der seines Vorgängers Barack Obama, der – genau wie die europäische Kommission oder der internationale Währungsfond – die Bundesregierung wiederholt aufgefordert hatte, mehr Geld auszugeben (Stichwort Handelsüberschuss).
Die MEDIEN
Er hat es geschafft, dass die Medien in den Augen seiner Wähler als Teil der Macht erscheinen. Und so prallte im Wahlkampf an seiner Anhängerschaft jede Enthüllung über ihn ab. Trump konnte den Eindruck erzeugen, dass da nicht unabhängige Medien einen politischen Kandidaten kontrollierten, sondern Teile der Elite – die "Mainstream-Medien" – Angriffe auf einen unabhängigen Kandidaten verübten.
Auf Twitter hat Trump mehr Follower als die New York Times und Washington Post zusammen Leser haben.
Was sollen die kritischen Medien tun? Antwort: Professionell bleiben oder es wieder werden.
Klarer unterscheiden zwischen unabhängigen Journalisten und jenen politischen Lobbyisten, die ihre Programme seit langem bevölkern.
Immerhin fragen sich Zeitungsredaktionen mittlerweile, ob man nicht neben einem Gender-Reporter auch einen im Mittleren Westen brauche…
Zusammenfassung: Das alles berührt in der Tat kritische Punkte: Die Politik hat vor dem globalen Kapitalismus gekuscht; die Glaubwürdigkeit der Nato steht in Frage; dito der Medien.
Folglich hat nicht nur der neue Präsident, sondern haben auch alle, die ihm etwas entgegensetzen wollen, eine steile Lernkurve vor sich.
Quelle: Zitate aus DIE ZEIT, 19.01.2017, S. 2/3