Der Irrweg

Artikel .1026 vom 05.08.2019

Wir dürfen stolz und dankbar sein über die Fortschritte der Medizin in den letzten 100 Jahren. Ein Satz, den jeder von Ihnen, auch ich, sofort unterschreiben würde. Unterschreiben würde solange, bis wir uns einmal mit Statistiken und Zahlen beschäftigen würden. Die man heute ja kinderleicht aus dem Internet herunterladen kann.

Dann plötzlich würde man sich staunend die Äugelein reiben: Die Krebsrate nimmt ja zu. Die Herzinfarktrate nimmt ja zu. Die grauslige, verstümmelnde Erkrankung namens Diabetes nimmt ja zu. Auto-Immunkrankheiten nehmen ja zu. Wo bleibt hier der Fortschritt? Sollte vielleicht gemeint sein: Die Krankheiten „schreiten fort“?

Nein, nein: Stolz sind wir über und gemeint sind die Fortschritte bei der Diagnostik. Bei der Apparate-Medizin. Wir können heute sehr viel einfacher, bequemer und genauer Krankheiten erfassen, feststellen und benennen. Ein Riesen-Fortschritt! Wir wissen heute also gleich, ob der Brustkrebs nur ein Brustkrebs ist, oder ob die Metastasen schon die Leber befallen haben. Ob die blutige Darmentzündung nur den Enddarm oder den gesamten Darm befallen hat. Ob der Herzinfarkt, einmal „geheilt“, der einzige bleibt oder... ob die Herzkranzgefäße schon überall so verkalkt sind, dass der zweite, dritte Herzinfarkt unausweichlich ist. All das können wir vorher sehr präzise feststellen.

Nur: Interessiert das den Patienten? Der will eigentlich nur ganz banal gesund sein und bleiben. Und wenn er mal krank wird, will er geheilt werden. Wieder gesund werden. All die Diagnostik – auch von mir bewundert, auch in meinen Händen täglich angewandt – hat mit der Heilung streng genommen nichts zu tun.

Genau hier liegt der Hund begraben.

Wunderschön demonstriert soeben am Beispiel der chronisch entzündlichen Darmerkrankungen. Also colitis ulcerosa und morbus Crohn. Wenn Sie so wollen, mein Hobby an der Universität. Tagtäglich. Was haben wir uns für Mühe gegeben.

Was gibt sich die Medizin heute noch für Mühe und... verliert. Anfangs einfache Entzündungshemmer, dann Immunsuppressiva (MTX und Co), ganz neu die Biologika, also Mittel, die sehr stark ins Immunsystem eingreifen. Mittel, die Lymphozyten blocken, die verschiedene Interleukine blocken, die den TNF-Alpha blocken. Modernste, sehr teure Medikamente. Fortschritt? Na, dann gucken wir doch mal:

In einer nagelneuen Studie aus Schweden konnten Olèn und Kollegen nachweisen, dass die Diagnose einer solchen Darmkrankheit vor dem 18-ten Lebensjahr (ist in der Regel der Fall) mit einer um den Faktor 3 erhöhten Mortalität (Sterblichkeitsrate) einhergeht.

Menschen mit dieser chronischen, blutigen Darmerkrankung sterben also 3-mal häufiger. Übrigens erstmals schriftlich festgehalten. Nur, jetzt kommt’s (ich zitiere):

„Trotz zahlreicher neuer Therapieansätze (s.o.) ist diese im Vergleich zur Normalbevölkerung erhöhte Mortalität (also Todesrate) seit dem Jahr 1964 nicht signifikant gesunken“.

Bitte lesen Sie den Satz noch mal. Und noch mal. Und noch ein drittes Mal. Dann haben Sie Medizin, moderne Medizin, Schulmedizin verstanden.

Riesen-Fortschritte in der Diagnostik. Koloskopie, Histologie. Kernspin. Riesen-Fortschritte der Pharmaindustrie (Immunsuppressiva, Biologika etc.). Und was kommt dabei raus? Bitte lesen Sie den Satz ein viertes Mal.

Nix hat´s gebracht

Nun ja. Könnte man bedauern. Könnte man resignierend konstatieren: Also nix. Kann man nix machen. Wenn hinter dem Ganzen nicht ein RIESEN IRRTUM stecken würde. Denn, wie Sie genau wissen:

Selbstverständlich können wir diese Darmkrankheit heute heilen. Zum Verschwinden bringen. Die Leute wieder gesund und glücklich machen. Selbstverständlich wissen wir, wie das geht.

Nur Ihr Krankenhaus, Ihr Facharzt, Ihre Universitätsklinik weiß es leider nicht.

Denkt man kurz darüber nach, wird man schwermütig. Bitte erhöhen Sie heute Abend Ihre Tryptophan-Dosis.

PS: Ach ja. Wie man diese Darmerkrankungen heilt? Hatte ich vor kurzem deutlich formuliert:

zurück zur Übersicht

top